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In was für einer Welt leben wir?

Seit Freitag schwirrt diese Frage immer und immer wieder in meinem Kopf umher. Es ist eine Welt, die ich nicht verstehe, eine Welt, die mir Angst macht und eine Welt, in der ich nicht leben möchte. Aber eine andere Wahl habe ich nicht.Ich habe - vermutlich - nur dieses eine Leben und will es mir nicht von den Menschen vermiesen lassen, die meine Art zu leben nicht mögen, ja sie sogar verachten und mich dafür töten wollen. Aber genau das passiert gerade: Ich gehe durch die Stadt und sehe, dass der Weihnachtsmarkt aufgebaut wird, direkt schießt mir der Gedanke in den Kopf, dass dies auch ein "guter" Ort für einen Anschlag wäre, mein Mann geht morgen ins Theater und ich erwische mich dabei, dass ich mir einrede, dass das Capitol zu klein und uninteressant für einen Anschlag ist und am Wochenende fahre ich nach Kiel auf ein Rock-Konzert in einem mittelgroßen Laden und möchte Spaß haben, ein bisschen tanzen und den Alltag vergessen - wie die Menschen im Bataclan am vergangenen Freitag. Eines muss ich den Terroristen schon lassen, sie haben sich ihre Ziele schon "gut" ausgesucht. Die Botschaft ist eindeutig: Ihr seid nirgendwo sicher! Es waren alles Ziele, an denen die meisten von uns an einem Freitag Abend hätten sein können: Im Stadion, im Restaurant, in einer Bar oder auf einem Konzert. Wie oft verbringe ich meine Abende am Wochenende genauso!"Man darf sich jetzt nicht unterkriegen lassen, denn das ist, was die wollen". Diesen und ähnliche lautende Sätze höre ich im Moment oft. In der Theorie klingt das genau richtig, aber das Gesagte zu verinnerlichen und auch umzusetzen fällt mir schwer. Immer wieder kreisen meine Gedanken um das Geschehene und Angst macht sich in mir breit. Angst zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein und viel mehr noch die Angst, dass meine Familie oder Freunde zur falschen Zeit ein Mal am falschen Ort sein werden. Und ich bin damit nicht allein. Eine sonst sehr taffe Freundin von mir meinte eben, dass sie im Hinblick auf ihre am Samstag anstehende Flugreise "wirklich Schiss" hat. Wir sprachen auch über Karneval und dass wir nächstes Jahr an Altweiber wohl nicht in einen Club gehen würden, den Rosenmontagszug von der "sicheren" Wohnung an der Zugroute verfolgen würden und auf keinen Fall in die Stadt rein gehen wollen. Dass ich mich nicht einschüchtern lassen wollte, hat ja perfekt funktioniert. Nicht. Aber was für mich persönlich noch viel schlimmer als die Angst, die am Samstag mit nach Kiel fährt, ist, ist dass ich mir über Dinge Gedanken mache, die für mich selbstverständlich waren. Mir war klar dass ich ein Kind haben wollte, eine kleine Prinzessin in süßen pinken Kleidchen oder einen kleinen Jungen mit coolen Caps und Turnschuhen. Mein Mann und ich wollten jetzt auch aktiv in die Familienplanung einsteigen. Aber seit Freitag frage ich mich, ob ich das wirklich möchte. Möchte ich ein unschuldiges Leben in diese Welt schicken, die für Erwachsene schon so unverständlich und angsteinflößend ist. In eine Welt, wo man sich einfach an keinem Ort mehr zu 100 Prozent sicher fühlen kann? In eine Welt, von der ich noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung habe, wo ihre Reise hingeht.Ich fühle mich gerade nicht in der Lage eine Antwort darauf zu geben und ich kann auch noch nicht sagen, wie nachhaltig dieser erneute feige Terrorangriff mein Leben verändern wird. Ich weiß nur, dass der 13. November 2015 ein Tag war, von dem man auch noch im 10 Jahren genau weiß, was man gemacht hat. Genauso wie ich heute noch weiß, dass ich am 11. September 2001 aus der spanisch AG nach Hause gekommen bin, Zuhause die ganze Zeit Nachrichten geguckt habe und wir abends im Jugendtreff weiter Nachrichten gesehen haben (Dirk sagte noch dass jetzt der Dritte Weltkrieg ausbrechen wird, zum Glück hatte er Unrecht), werde ich noch in 10, 15 und auch 20 Jahren wissen, dass ich an diesem Tag auf der Couch saß, die Hände vor das Gesicht nahm und meinen Mann immer wieder unter Tränen fragte "Was passiert da gerade? Oh mein Gott, was passiert da gerade?" Eine Antwort bekam ich nicht.
17.11.15 16:53


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